WENN DIE (DIGITALE) SEELE LEIDET

Ich hab einfach mal Abstand gebraucht vom Internet, von Social Media, aber ich war immer online. Das ist wohl das Gefühl, welches mich den Sommer über begleitet hat. Der Herbst steht für das Abschiednehmen und ich versuche, diese innere Zerrissenheit hinter mir zu lassen. Das Jahr scheint mir unter den Sternen „It is okay to disconnect, to reconnect“ zu stehen. Sprich manchmal ist es hilfreich, sich von etwas zu lösen, um dann auf einer anderen Ebene erneut einen Zugang zu finden. 

Es ist ein Fluch und ein Segen, von seiner Leidenschaft zu leben. Denn sobald man sich dadurch eine Existenz sichern muss, kommt ein immenser Druck dazu. Ob das nun Musiker, Künstler, Journalisten oder Andere sind. Selbstständig arbeitet man eben selbst und ständig.

Ich kann nun nur aus meiner Perspektive sprechen. Beim Bloggen und auf Social Media ist der Druck, spannend und inspirierend zu sein so groß. Ich meine damit nicht einmal „perfekt“ und übertrieben schön dargestellt, aber zumindest mit Mehrwert und eben der Ästhetik, die dem für sich definierten Geschmack entspricht.

Zusammengefasst liegen Wochen der innerlichen Distanz zu meinen Kanälen hinter mir. Äußerlich habe ich stets versucht abzuliefern. Was ich damit ausdrücken möchte ist, dass das digitale Leben eine Seele hat und die steht immer mal im Widerspruch mit den analog definierten Normen und Werten.

Es ist nicht so, dass ich meine Leidenschaft komplett verloren hatte, die mediale Präsenz kostete mich einfach nur unglaublich viel Energie. Ich habe alles einfach viel lieber für mich und mit meinen Freunden/ meiner Familie erlebt. Ich hatte absolut nicht das Gefühl, darüber hinaus, Menschen involvieren zu wollen. 

Versteht mich nicht falsch, aber im Grunde seid ihr mir fremd und doch so nah, weil ich mit jeder Zeile, mit jedem Text, mit jedem Post und jeder Story so viel von mir preisgebe. Manche Menschen gehen darin total auf und ich verspüre oft einen großen Unterschied zwischen mir und meinem medialen Ich.

Ich zeige bewusst nur einen Teil von mir, einen redaktionell aufgearbeitet, einen überdachten und immer mit dem Ziel, euch einen Mehrwert mit auf den Weg zu geben. 

Unsere Gesellschaft erschafft Systeme und das auch in der medialen Landschaft.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich passe einfach nicht rein. Das heutige Zeitalter verlangt fast schon einen intimen “Einblick ins Schlafzimmer”, eine Offenbarung oder ein perfekt inszeniertes Leben zum Entertainment. Zumindest muss alles irgendwie einfach greifbar sein und sofort definierbar. Jeder möchte sofort verstehen, was bei dem Gegenüber abgeht und alles soll nahbar sein. Dabei bin ich mir selbst manchmal nicht nah.

Ich habe mit der Zeit über mich gelernt, dass ich ein introvertierter Mensch bin und eine gewisse Kontrolle mir Sicherheit schenkt. Also kontrolliere ich, was ich online stelle. Denn alles, was ich hochlade wird bewertet, von Fremden, von Bekannten, von Freunden oder von Menschen, die dich gerade kennengelernt haben, dein Profl anschauen, die Schublade aufziehen und zu ist sie.

Man soll nicht so sehr nach Links und Rechts schauen, sondern einfach sein Ding machen. Auch dafür stehe ich, aber auch ich komme an meine Grenzen in der Praxis, vor allem wenn es um meine Selbstdarstellung im Internet geht.

Das ist meine Welt, mein Radius, in dem ich mich bewege und ich habe mir das alles selbst erschaffen. Darauf könnte ich stolz sein und gleichzeitig macht es mir auch Angst, eine Chance verpasst zu haben, wenn ich einen anderen Weg gegangen wäre.

Diese Kolumne zum medialen Ich habe ich extra für solche emotionalen Ausbrecher auf Fifteenminfame Platz geschenkt. Denn ich bin kein Fan davon, dass negative Emotionen bei all der Selbstsdarstellung keinen Platz finden. Ständig soll man nach einem “besseren Leben streben”. Ich sehe mich jedoch nicht im Wettkampf um das schönste Leben. Ich sehe uns auf einem gemeinsamen Weg für ein ehrliches Leben und da gehören für mich alle Emotionen dazu.

Ich kann mich einfach am Besten über das Schreiben ausdrücken und das tut mir irgendwie leid, denn ich habe oft das Gefühl in einem Video mit netter Hintergrundmusik oder einem Podcast würde ich auf mehr Gehör stoßen. Text entspricht irgendwie nicht ganz der Nachfrage, die das digitale Zeitalter so mit sich bringt.

Falls du es bis zum Ende geschafft hast, danke ich dir für deine Aufmerksamkeit und emotionalen Beistand eines Millenials, welches manchmal einfach nur offline online sein will. 

P.S.: Nachdem mein inneres Seelenleben langsam einen Weg zurück ins Netz fand, starb mein Opa. 

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1 Kommentar

  1. Avatar
    Tamina
    11/10/2020 / 21:56

    Mir kommen die Tränen bei deinem Text, wenn du deine Zerrissenheit zum Ausdruck bringst. Ich liebe jedes einzelne Wort, das du schreibst. Hör nie damit auf. Nimm dir immer wieder die Zeit für dich, wenn du sie brauchst
    Für dich und deine Familie viel Kraft für den weiteren Weg

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