VOR LAUTER TODESANGST WIRD DAS LEBEN VERGESSEN

Es kommt mir so langsam so vor, als nehmen wir nicht die Pandemie, sondern den Staat als Schicksal hin. Daher schreibe ich diesen Artikel, vielleicht ist es auch mehr ein Appell. Und wo fangen wir bei Appellen an? Richtig, beim Selbstdenken.

Welche Haltung lebt ihr mehr? 

  1. Und wenn es noch schlimmer wird, wird es eben noch schlimmer. 
  2. Nichts ist unmöglich. Wir finden gegen alles ein Mittel.

Die erste Haltung wird dem Stoizismus zugeschrieben. Die hohe Kunst, sich objektive Probleme subjektiv am Arsch vorbeigehen zu lassen. Ein Gleichmut, der dem Zivilisationsprozess entgegensteht. Den Fortschritt zu befeuern, entspricht Nummer 2. In meinen Augen klingt Nummer 2 gesellschaftsfähiger, unterliegt aber künstlichen Prozessen und einer gewissen Gewalt. Sich eine gelassene Haltung anzueignen, wirkt auf mich gesünder. Wir sind auf dieser Welt schließlich Gäste, die dabei weder empathielos noch zynisch werden müssen, einfach nur unerschüttert. 

Auf der anderen Seite bleibt im stoischen Sinne und einer gewissen Ergebung der Fortschritt aus. So wären momentan vielleicht keine Impfstoffe entwickelt worden. 

Aber „Halt“! Es gibt Impfstoffe, doch geimpft wird zumindest in Deutschland kaum. Die Pandemie, ähm, ich meine, die Bürokratie und der Staat machen uns das Leben schwer. Vielleicht wäre für die derzeitige Situation ein „stoischer Zivilisationsprozess“ die beste Lösung. 

Noch zugespitzter könnte man meinen, dass wir vor lauter Angst vor dem Tod vergessen, das Leben zu leben. Müssen wir lernen, das Sterben mehr in unser Leben zu integrieren? Wir sind westliche Wohlstandskinder und unsere Generationen entfernen sich immer mehr von der Kriegsgenerationen und von katastrophalen Lebensumständen. Medizinisch werden wir bestens versorgt, solange die Krankenhäuser eben nicht überfüllt sind, weil wir eine Überbevölkerung am Leben erhalten wollen. Ethisch und moralisch nachvollziehbar, praktisch, wie man sieht, kaum umsetzbar. 

Ich weiß selbst nicht mehr, was ich denken darf, geschweige denn auszusprechen vermag. Wir verlieren den Halt und somit den Verstand. Ich hoffe, dass die Pandemie nicht schafft, was dem Terrorismus bisher nicht gelang, oder ist es schon zu spät? 

Ich zitiere Thea Dorn, Philosophin und Schriftstellerin aus einem Interview, gelesen im Philosophie Magazin, Ausgabe 3/2021. Ich bin überzeugte Abonnentin des Magazins und habe mir das Abo von meiner Oma zum Geburtstag gewünscht. Der Inhalt und die Themen halten auf dem Laufenden, aber vor allem an philosophischen Ansätzen fest. Den aufgearbeiteten Texten kann ich sehr viel abgewinnen. Daher Werbung im besten Sinne.

„Im Kampf gegen Corona sagen wir: Bloß nichts riskieren. Dieses Virus hat geschafft, woran islamistische Terroristen bislang gescheitert sind. Salman Rushdie* hat nach den Attentaten vom 11. September 2001 eine Liste veröffentlicht, die verschiedenste Aspekte unseres freiheitlichen Lebens aufzählt. Sie reicht von „Musik“ und „Kino“ über „sich in der Öffentlichkeit küssen“ bis zu „Meinungsfreiheit“. Rushdie beschwört den freiheitsliebenden Leser, dem Terror zu trotzen, indem er furchtlos auf die Art weiterlebt, die ihm kostbar ist. Die Hälfte der Ausdrucksformen freiheitlichen Lebens, die Rushdie 2001 benennt, fallen seit mittlerweile einem knappen Jahr dem Lockdown zum Opfer. Besonders schlimm: Würde Rushdie einen ähnlichen Appell heute im Covidkontext veröffentlichen, stünde er, so fürchtet ich, sofort als verantwortungsloser Gefährder oder Coronaleugner da.“ 

*Sir Ahmed Salman Rushdie ist ein indisch-britischer Schriftsteller. Er gehört zu den bedeutendsten anglo-asiatischen Vertretern der zeitgenössischen britischen Literatur. 

Inwiefern euch der Artikel zum Nachdenken angeregt hat, dürft ihr gerne als Kommentar hinterlassen. Ich habe den Artikel im TGV geschrieben, denn mein Leben geht gerade in Paris weiter. Wer mehr über mein Ankommen in der französischen Hauptstadt wissen möchte, darf jetzt schon meinen You Tube Kanal abonnieren. Am Sonntag 28.03.2021 geht die erste Folge online und ich widme mich der Frage, ob ich jetzt einen auf Emily in Paris trotz Corona mache. Danach geht es weiter mit Buchtipps, die mein Leben im Lockdown verändert haben und weiter voraus plane ich nun erst einmal nicht, denn das Leben passiert ja von ganze alleine. Freue mich auf jeden Fall, wenn ihr Bock habt, mich auf meiner Reise und noch mehr spannenden Themen zu begleiten.

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3 Kommentare

  1. Avatar
    Lory
    23/03/2021 / 8:24

    Liebe Kim,
    so ein spannender Artikel über die Pandemie-Müdigkeit und deren Hintergründe! Sehr interessant auch Thea Dorn in ihrem Bezug zu Salman Rushdie. Genau diese Aspekte der Freiheit, die Rushdie beschreibt, machen unser Selbstverständnis aus. Und das wird immer mehr erschüttert durch die Maßnahmen der Politik während der Pandemie. Mit welch altväterlicher Selbstherrlichkeit nun schon seit einem Jahr die Grundrechte beschnitten werden und wie brav das hingenommen wird in einer aufgeklärten Demokratie – schon erstaunlich! Doch so langsam regt sich auch bei den Geduldigsten ein gewisser Unmut – und das ist gut so.
    Love, Lory

    • Kim
      Kim
      Autor
      25/03/2021 / 15:38

      Liebe Lory,

      dein Kommentar ist eine perfekte Ergänzung zu dem Text. Ich fand den Ausschnitt aus dem Interview auch hervorragend erleuchtend. Ich bin sehr dankbar, dass sich kritische Stimmen erheben, ohne dabei ein Querdenker sein zu müssen. Es passt so vieles nicht zusammen und das gehört hinterfragt. Danke für deine Gedanken.

      xx Kim

  2. Avatar
    Tamina
    26/03/2021 / 9:01

    Liebe Kim,
    besser kann man es nicht ausdrücken. Ich bin ein sehr geduldiger Mensch und versuche bis zuletzt an das Gute zu glauben, aber auch bei mir wird der Frust immer größer. Die Enttäuschung darüber, dass wir als ein so fortschrittliches Land so hinterherhinken, alle Bemühungen im Sande verlaufen, macht wütend. Viele Stimmen erheben sich, aber was genau würden wir anders machen, wenn wir an der Stelle der Politiker wären. Ich bin immer wieder hin und her gerissen, aber eines haben wir alle gemeinsam. Jeder Einzelne ist ein Corona Gegner, denn wir alle wollen diesen Virus nicht. Wir werden ihn überstehen bzw lernen müssen, damit zu leben.
    Dass du für dich gesagt hast, deine Zeit in Paris zu verbringen und von dort zu arbeiten, war genau richtig. Vielleicht weckst du in anderen das Interesse, es genauso zu machen…. Das Leben weiterhin anzupacken, das Leben zu leben, was nicht heißt, dass man dadurch die Regeln brechen muss, die im Moment noch notwendig sind. Und diejenigen, denen es nicht möglich ist, auf diese Art zu arbeiten, nimmst du auf deiner Reise mit und lenkst sie ein bisschen ab. Ich erfreue mich täglich an deinen Eindrücken und schlendere mit dir durch Paris. Danke dir dafür

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